Das Rushing Woman Syndrom

- Autorin: Melanie Dell’Oro 

Regelschmerzen sind nicht normal! Ein ausbleibender Eisprung ist nicht normal! Alle 2h Menstruationsprodukte wechseln ist nicht normal! Wir schreiben darüber in beinahe jedem unserer Artikel, in dutzenden Instagram-Beiträgen klären wir darüber auf. Warum leidet dann aber trotzdem beinahe jede menstruierende Person in deiner Umgebung darunter? 

Ein Grund könnte das Rushing Woman Syndrom sein. Ein Begriff, der von der australischen Biochemikerin und Ernährungswissenschaftlerin Dr. Libby Weaver geprägt wurde und unserer Meinung nach viel zu wenig bekannt ist - erklärt es doch viele Probleme im Zusammenhang mit Frauengesundheit. Aus diesem Grund möchten wir uns Dr. Weavers Theorie mit Anlass des Internationalen Tages für Frauengesundheit mal ganz genau ansehen.

Stress ist ungesund

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Stress, Zyklusproblemen und PMS. Das Problem: Stress ist für Frauen allgegenwärtig. Sei es der Beruf, die Familie, unsere Hobbys, Sorgen, die Anforderungen, die wir an uns selbst und unser Aussehen setzen, die ständige Verfügbarkeit durch Mobiltelefone und Social Media oder eine wilde Kombination aus allem - Frauen leisten ihr bestes in einer Vielzahl von Bereichen. Die Zeiten, in der sich die Frau allein auf den Haushalt und die Kinder konzentrierte, sind schon länger vorbei. Laut Dr.Weaver ist dies die Ursache für die meisten der gesundheitlichen Probleme, an denen Frauen* heute zu knabbern haben. Denn natürlich möchte jede von uns in allem was sie tut besonders gut sein. Sei es durch den - toxischen - Vergleich mit anderen Frauen oder Müttern oder dem ständigen Kampf zu beweisen genauso gut bis besser als Männer zu sein oder durch veraltete Glaubensgrundsätze, die wir als Kind erlernt und nie wieder hinterfragt haben. Zu dem körperlichen Terminstress kommt also noch mentaler Stress und der Teufelskreis ist perfekt.

Adrenalin und Cortisol - die Stresshormone

Stress geht nicht spurlos an unserem Körper vorbei. Ursache sind die zwei wichtigen Stresshormone Adrenalin und Cortisol, die vom sympathischen Nervensystem im Zuge einer Fight-or-Flight-Reaktion aufs Feld geschickt werden. Adrenalin ist das Hormon, das bei kurzfristigem Stress ausgeschüttet wird. Wenn wir uns erschrecken, in eine unangenehme Situation geraten oder von Termin zu Termin hetzen, sorgt das Adrenalin dafür, dass uns nicht die Energie ausgeht. Dafür mobilisiert es die Freisetzung von Zucker aus der Muskulatur, schränkt die Blutversorgung im Verdauungstrakt ein, steigert Atmung und Herzschlag und sorgt für die Ausschüttung von Cortisol aus den Nebennieren.

Das Cortisol übernimmt bei Dauerstress. Es sorgt dafür, dass unser Körper seine Ressourcen schont, also beispielsweise dafür, dass Fett eingelagert wird, und verhindert durch den Einfluss auf das Hormonsystem, dass Progesteron gebildet wird. Progesteron ist das Schwangerschaftshormon, das eine befruchtete Eizelle in die Gebärmutter einbetten soll. Denn eine Schwangerschaft kann ein gestresster Körper nicht gebrauchen.

Fight or flight: Eine biologisch sehr alte Reaktion des Körpers, die in einer Extremsituation (z.B. die Begegnung mit dem Säbelzahntiger) dazu diente, dem Körper genug Energiereserven für einen Kampf oder ein Flucht bereitzustellen.

Stress - Kaffee - Hunger - Stress: Ein Teufelskreis

Das Problem: diese Prozesse ergaben evolutionstechnisch sehr viel Sinn, mit unserem heutigen Lebensstil bringen sie eher Probleme mit sich. Meistens brauchen wir die ganze zusätzlich freigesetzte Energie nämlich gar nicht. Denn wir sitzen eher gestresst am Schreibtisch als vor wilden Tieren davonzulaufen. Dennoch erhöht sich der Blutzuckerspiegel durch die Adrenalinwirkung. Der Körper versucht durch die Ausschüttung von Insulin den Zucker möglichst schnell aus dem Blut zu entfernen, denn dieser greift die Blutgefäße an, ein Risikofaktor für Arteriosklerose und Herzinfarkt. Diese Überreaktion führt aber ungünstigerweise zu einem zu niedrigen Blutzucker, der wiederum zu Müdigkeit und Heißhunger führt. Die Müdigkeit bekämpfen wir kurzfristig mit Kaffee, den Heißhunger mit Snacks und Süßigkeiten. 

Kaffee enthält Koffein. Koffein führt zur Ausschüttung von Adrenalin und - du ahnst es - der ganze Kreislauf beginnt von vorne. Zu dem aus der Muskulatur freigesetzten Zucker kommt noch der Zucker aus den zumeist eher ungesünderen, energiereicheren Snacks nach denen unser Körper gelüstet und der Blutzucker steigt zusätzlich - auch hier ein Teufelskreis. 

Gewichtszunahme, mangelnde Libido, Erschöpfung und Co.

An dieser Stelle liegt schon mal die mögliche Ursache für zwei Symptome, die sehr gern mit PMS und Frauengesundheit in Zusammenhang gebracht werden: Erschöpfung und Mehrgewicht. Dazu kommt der bei Dauerstress ständig erhöhte Cortisolspiegel. Dieser sorgt dafür, dass Zucker möglichst effektiv in Fett umgebaut wird (Gewichtszunahme!) und dass das Progesteron möglichst niedrig bleibt. Progesteron hat zusätzlich zur Fruchtbarkeitssteigerung eine beruhigende, angstlösende Wirkung. Wenig Progesteron führt zu angespannter Stimmung, depressiver Verstimmung  und bei Kinderwunsch zu ausbleibendem Erfolg, was der nächste Auslöser für Stress sein kann. Außerdem ist das Progesteron-Östrogen-Verhältnis gestört, was eine indirekte Östrogendominanz mit sich bringt, welche oftmals noch durch endokrine Disruptoren aus beispielsweise Kosmetikprodukten (Rhetorische Frage: Wer ist wohl der größte Abnehmer für Kosmetik und Make Up?) verstärkt wird. 

Eine ganze Reihe typischer Frauenprobleme könnten wir nun allein durch Stressbelastung erklären: Gewichtszunahme, Heißhunger, Erschöpfung, Gereiztheit, depressive Verstimmung, verringerte Fruchtbarkeit, mangelnde Libido, Östrogendominanz… was für ein Zusammenhang, oder?

Stress führt zu Nebennierenerschöpfung und Verdauungsproblemen

Aber die Kreise lassen sich laut Dr.Weaver noch weiter ziehen. Stichpunkt Nebennierenerschöpfung. Eine Nebenniere, die unter Dauerbelastung steht, gibt irgendwann auch mal auf. Ungünstig, dass sie neben den Stresshormonen auch Hormone produziert, die wiederum die Bildung von Geschlechtshormonen beeinflussen. Der gestörte Hormonhaushalt ist perfekt, inklusive ausbleibender Menstruation, verzögertem Eisprung, zu starker Regelblutung und so weiter. Außerdem bleibt mit einer müden Nebenniere der Cortisolspiegel morgens eher niedrig. Wie gerädert werden wir wach und das Verlangen nach schneller Energie ist groß.

Als wäre das noch nicht genug, kommt nun auch noch die Verdauung ins Spiel. Denn das sympathische Nervensystem, das für die Stressreaktionen verantwortlich ist, sorgt dafür, dass keine Energie, die zur potentiellen Fluchtreaktion gebraucht werden würde, verschwendet wird. Erst recht nicht mit Verdauung. Diese fährt also runter. Ungünstig, dass wir ja nicht fliehen, sondern stattdessen eher versuchen, Stress mit Essen zu kompensieren - emotional als auch wegen der oben beschriebenen physiologischen Vorgänge. Unser Magen schreit also “Out of Order”, aber wir schieben immer mehr Nahrung - oftmals wenig gesund - hinterher. Verdauungsprobleme wie Blähungen, Völle, Bauchschmerzen, Durchfall, aber auch Nährstoffmangel sind vorprogrammiert und werden dann auch noch durch die physiologische Hormonwirkung verstärkt. Besonders Nährstoffe, die eh schon Mangelware in unserer Ernährung sind, können nun Folgeerkrankungen mit sich ziehen. Ein Mangel an Iod und Selen steht zum Beispiel in Verdacht, die Entstehung von Brustkrebs zu begünstigen.

Die weitläufigen Effekte, die Dr.Weaver in ihrer Praxis beobachtete, sind erstaunlich. Zum Beispiel das Phänomen “Ich mache ständig Sport und nehme trotzdem nicht ab”. Kommt dir bekannt vor? Auch das hängt mit dem oben beschriebenen Kreislauf zusammen. Der Sport fungiert hier als weiterer Stressfaktor, denn der Körper unterscheidet nicht zwischen Stresssituation “Flucht” und Joggen im Park. 

Wie werde ich von einer Rushing Woman zu einer Resting Woman?

Du brauchst Ruhemomente. Und zwar so richtige Nichts tu-Momente. Erst dann kann das parasympathische Nervensystem wieder für einen gesunden Ausgleich sorgen: den Herzschlag verlangsamen, die Atemfrequenz runterfahren, die Verdauung aktivieren und für einen ausgeglichenen Hormonhaushalt sorgen.

“Statt zu sagen:
Sitz nicht einfach nur da - tu irgendwas,
sollten wir das Gegenteil fordern:
Tu nicht einfach irgendwas - sitz nur da.” 

Thich Nhat Hanh

Wähle ausgleichende Sportarten wie Yoga oder Qi Gong, die statt dem sympathischen Nervensystem das parasympathische unterstützen und für Ruhe sorgen.

Trainiere den “Mut zur Lücke” und hinterfrage deinen Perfektionismus. Reflektiere ob du ausreichend oft um Unterstützung bittest und ob dir das “Nein” sagen schwer fällt. Unter Umständen kannst du dir hierfür therapeutische Unterstützung suchen. 

Achte auf eine gute Schlafhygiene. Ab etwa 2 Uhr nachts beginnt der Körper damit, wieder Cortisol auszuschütten, um dich langsam zu wecken. Der Cortisolspiegel sinkt zum Abend hin stark ab und Ruhe ist möglich. Jede Stunde, die du also vor Mitternacht geschlafen hast, zählt beinahe doppelt erholsam.

Achte auf eine Ernährung, die deinen Körper nicht zusätzlich belastet. Meide Fast Food, fettige Snacks und Süßigkeiten und verwöhne dich stattdessen mit frischem, bunten Gemüse und Obst, mit Vollkorngetreide und Hülsenfrüchten.  

Trinke grünen Tee statt Kaffee. Grüner Tee enthält deutlich geringere Mengen Koffein und zusätzlich weitere gesundheitsförderliche Inhaltsstoffe, die deine Blutgefäße schützen.

Bist du eine Rushing Woman?

Zu Dr.Weavers Theorie der Rushing Woman gehören noch viele weitere Aspekte wie Alkohol- und/oder Substanzmissbrauch, ein gestörtes Selbstbild oder Verlustängste. Du kannst selber mal den Test machen. Auf der Webseite von Thieme findest du den Selbsttest, den Dr.Weaver in ihrem Buch “Das Rushing Woman Syndrom” vorstellt. Dieser fragt verschiedenste seelische als auch körperliche Aspekte ab und führt zu so manchem Aha-Erlebnis. 

 

Quellen:
Weaver, L; Das Rushing Woman Syndrom - Was Dauerstress unserer Gesundheit antut, TRIAS
Manjer J, Sandsveden M, Borgquist S.Serum Iodine and Breast Cancer Risk: A Prospective Nested Case-Control Study Stratified for Selenium Levels. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2020 Jul;29(7):1335-1340.

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